Wir stecken oft in Situationen, die wir nicht wirklich verstehen. Häufig müssen Entscheidungen getroffen werden. Die Lage ist unsicher, wir wissen um unsere hinderlichen inneren Glaubenssätze und die bekannten kognitiven Irrtümer. Bei der Arbeit gehört es zum guten Ton, zögerliche Gedanken systematisch auszuklammern. Probleme? Als Führungskraft? Niemals. Dann schon lieber eine Informationslücke, die lässt die Illusion gefüllt werden zu können. Aber Verständnislücken? Undenkbar! Niemals!

Kann sein, dass die gleiche Wahrnehmung von unterschiedlichen Menschen völlig gegensätzlich interpretiert wird. Zusätzliche Informationen helfen niemandem weiter. Was allerdings helfen könnte ist das Verständnis, aus unterschiedlichen Wahrnehmungen neue Ideen über Zusammenhänge konstruieren zu können. Als Alternative dazu, Sieger oder Rechthaber auszufechten. Manager sehen gemeinhin Meinungsverschiedenheit als Schwäche. Doch muss das sein? Können sie nicht Gradmesser für Unsicherheit sein. Ein Hinweis, dass schneidige Entscheidungen mehr polarisieren und Fronten verhärten als klären?

Informationen und Wahrnehmungen können viel Verschiedenes heißen. Bedeutung kann aus ihnen nicht einfach abgelesen werden. Bedeutung einsteht durch Interaktion, zuhören und dialogisieren. Die schneidige Dynamik des Boss-Meeting und die harmonisch geschlossenen Reihen der zustimmenden Claqueure verwischen und lassen zu oft untergehen, was wirklich bedeutsam und von innovativem Interesse sein könnte. Wenn man es denn sehen wollte. Reichtum an Ideen, Innovationen und kraftvolle Inspirationen entstehen nur in iterativer Interaktion. Ich könnte auch sagen: Hochschaukelnder Disput. Daraus entsteht Sinn in Situationen und zwischen Menschen.

Ich hab es bis hier nicht benutzt, das Wort Ambiguität. Das, wofür das „A“ in VUCA steht. Das, was für viele am Schwersten zu erklären ist und wo selbst ich immer wieder nachdenken muss: das zugehörige Adjektiv lautet „ambig“.

Ent-Scheidungen trennen. Sie excludieren, schließen den Zugang zu dem Getrennten aus. Zu den philosophisch-realen Grundlagen unseres Denkens gehört das Paradigma des Entweder-Oder. Es kann immer nur eines „richtig“ sein. Anderes ist daher „falsch“. Zu den Grundlagen unseres zumeist mechanistischen Weltbildes der Neuzeit gehören das „Zerlegen“ von großen in kleine Teile mit dem verbundenen Glauben, das Große sei die Summe der Kleinen und Kleines ließe sich leichter analysieren und steuern. Dazu der aus der Berechenbarkeit der Gestirne und Himmelsphänomene abgeleitete Messwahn und der feste Glauben an Ursachen und ihre Wirkungen. Dies es Glaubensorchester bestimmt reflexartig unser Denkmuster: Beobachten – unterscheiden – trennen – bewerten – abstoßen des für schlecht befundenen bzw. annehmen des Guten.

Entweder – Oder, darauf bauen sich Gesellschaften auf, Entscheidungen, sogar wir selbst sind auf Polarität geschaltet. Du gehörst dazu, oder eben nicht. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Bekannt?

Wär doch mal ein netter Versuch, einzuschließen statt auszuschließen. Statt zu streiten, ob etwas geht oder nicht könnte ein Dialog über unterschiedliche Sichtweisen und Beobachtungen echten Erkenntniswert für Disputanten entstehen lassen. Das Wort „und“ leitet zu Akzeptanz, Inklusion und Vervollständigung. Vor dem Hintergrund, dass in komplexen Situationen eindeutige, ergründbare und wiederholbare Kausalitäten nicht existieren eine überlebenswichtige Grundhaltung. Und statt oder! Das charakterisiert in unsicheren und dynamischen Umfeldern innovations- und erkenntnisförderndes Denken, Sprechen und Handeln.

„Und“ schafft Optionen, „Oder“ grenzt aus. Unklare und unsichere Situationen sind eben einfach so. Wo es keine Eindeutigkeit und Sicherheit gibt können wir sie auch nicht künstlich herbeizwingen. Die Rumpelstilzchen-Reaktion macht Situationen weder eindeutiger noch sicherer, sie polarisiert nur, reißt Gräben auf, verwischt den Erkenntniswert der Konstellation, vernebelt Chancen.

Ambiguität müssen wir einfach aushalten. Denn sie ist real. Wie die Unsicherheit. In der fernöstlichen Philosophie ist das Yin und Yang Denken von dieser Grundhaltung geprägt. Fortschritt und Dialog entstehen durch die Akzeptanz der beiden Prinzipien, nicht im Streit über das einzig Richtige. Sollten wir mal öfter versuchen.

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