Prof. Dr. Monika Burg

Interviews sind immer so förmlich. Passt gar nicht zu uns. Auch nicht zu Monika, Leistungssportlerin, nette Kollegin und inspirierender Gast auf unserer ersten Pottakademie. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Prof. Dr. Monika Burg. Unter diesem Namen finden wir sie als Hochschullehrerin, Beirat, Coach mit einer interessanten Biographie, die sie über leitende Managementtätigkeiten zu ihren heutigen Arbeitsschwerpunkten geführt hat. (Link zu ihrer Webseite)

Wir werden an dieser Stelle öfter mal über den Gartenzaun Interessantes und Wichtiges besprechen. Mit Nachbarn, die etwas zu sagen haben, die einfach interessante und besondere Persönlichkeiten sind. Monika gehört in diese Kategorie, das haben wir gleich bei der ersten Begegnung gespürt. Sie ist unserer Einladung in die Pottakademie mit großer Begeisterung gefolgt. Ergänzende Sichtweisen sind immer anregend, Plattform für neue Erfahrungsreisen. Wir haben uns gefreut wie Bolle, als Monika nach ihrem Impuls für unsere Akademie-Mitmacher einfach engagiert, meinungsfreudig und inspirierend in unserem Kreis geblieben ist, um mit uns zu arbeiten, zu debattieren, Ideen zu erzeugen. Damit alle was davon haben, hier ein paar Antworten von Monika über den Gartenzaun.

Business-Karriere, Hochschullehrerin, Beratung und Coaching – Hast Du das so geplant? Oder haben Zufälle und günstige Momente Deine vielseitige berufliche Karriere begleitet?

Geplant war da nichts. Ich hatte wohl eher einen inneren Kompass, eine innere Motivation, die mich zu bestimmten Entscheidungen getragen haben. Z.B. hat der Wunsch, etwas zu bewegen, der Mut, etwas auszuprobieren, der Spaß am analytischen Arbeiten und die Liebe zum Menschen sicher nicht geschadet. Aber vor allem waren es natürlich Zufälle. Ich hatte Glück, dass mir Chancen geboten wurden und auch Glück, dass ich in dem Moment zugegriffen habe, als die Tür dafür aufstand.

Welche Momente der Unsicherheit hat es auf Deinem beruflichen Lebensweg gegeben?

Viele! Unsicherheiten, Rückschläge, Niederlagen. Viele! Im Management wird ja gerne ein Pokerface gepflegt und totale Coolness suggeriert. Das stimmt natürlich nicht. Und zu mir passt das auch nicht. Unsicher war ich zu Beginn meines Studiums, in meiner Dokatorandenzeit, als junge Führungskraft, als Managerin im Haifischbecken, als „junge“ Hochschullehrerin, als frischgebackene Unternehmerin. Ich habe mich so oft neu erfunden und jedes Mal auf Unbekanntes eingelassen. Da kann man nicht immer und sofort mit allem sicher sein. Im Nachhinein weiß ich, dass eine Phase der Unsicherheit immer dazugehört. Das ist total ok. Die Frage ist nur, ob man sich ihr hingibt, oder schnell Wege sucht, um diese unsicheren Phasen zu beenden. Ich glaube, die Tatsache, dass ich das gut kann, war mein eigentlicher Karrierebooster.

„VUCABILITY®“ ist einer der zentralen von Dir genutzten Begriffe. Erklär uns doch bitte, was es damit auf sich hat.

VUCABILITY® nenne ich die Fähigkeiten von Fach- und Führungskräften, die Herausforderungen der komplexen und schnelllebigen Zeit, in der wir leben (auch VUCA genannt), erfolgreich zu meistern. Wir leben in einer Welt, die uns total überfordern kann oder eben nicht. Wenn nicht, müssen wir uns ein paar neue Kompetenzen aneignen. Organisationen werden in 10 Jahren anders geführt, Personal wird in 10 Jahren anders geführt, und wir selbst werden uns in 10 Jahren anders führen. Heute leben wir in einer Zwischenwelt, in der wir merken, dass die alten hierarchischen Methoden der Unternehmensführung, die teilweise verletzende Art zu führen und unsere nicht artgerechte Weise uns selbst funktionstüchtig zu halten, uns schmerzhaft an die Grenzen führt. Zum Beispiel die hohen Burnoutraten zeigen das an. Wer sich schlau machen möchte, verliert sich schnell in einer Flut an Ratgeberliteratur und bekommt dann auch nur Teilaspekte. Der Begriff VUCABILITY® garantiert eine ganzheitliche Sichtweise auf die zukunftsfähigen Kompetenzen. Und damit es dem Begriff besser ergeht als z.B. dem Coachingbegriff, worunter man heute auch „Astro-Coaching“ und „Hunde-Coaching“ findet, habe ich den Begriff schützen lassen. Er garantiert Qualität und ganzheitliche Hilfestellung.

Vom Homo oeconomicus zum Homo sapiens, mehr Gefühl statt untauglicher Versuche, alles nur mit dem Verstand klären zu wollen – Damit stellst Du Dich gegen einen gewaltigen Teil der immer noch geltenden Managementlehre und Führungspraxis. 

Das stimmt. Der Homo oeconomicus ist die Vollendung des mechanischen Weltbildes. Ein durch und durch rationales Wesen. Wie ein Roboter berechenbar. Gibst Du ihm ein Input, kommt ein kalkulierbarer Output raus. Quasi auf Knopfdruck. Eine Einstellung, die in den Chefetagen tief verwurzelt ist: „Der Mensch hat zu funktionieren“. Ich erlebe das jeden Tag in der Beratung, wenn Führungskräfte z.B. sagen: „Er bekommt Geld dafür, also macht er das“ oder „Der soll sich nicht so anstellen“. Das gleiche, wenn agiles Arbeiten per eMail angeordnet wird oder Digitalisierung als rein technische Veränderung ohne Begleitung der Menschen umgesetzt wird. Dabei musst Du vor allem die Emotionen managen. Das weiß man aus der neuropsychologischen Forschung der letzten 20 Jahre, wo man die Bedeutung der Gefühle erforscht, den Homo oeconomicus widerlegt und den Homo sapiens wiederentdeckt hat. Der Homo sapiens erzeugt Widerstand, wenn Emotionen wie Angst, Wut, Ohnmacht ihn regieren. Da kann man noch so sehr anordnen. Das Anerkennen der archaischen Überlebensinstinkte, die mit Hilfe von Emotionen gesteuert werden statt mit Logik, ist ein ebenso wichtiger Bestandteil von VUCABILITY® wie zu lernen, diese menschlichen Reflexe positiv zu bedienen, so dass tatsächlich Agilität herauskommt.    

Was siehst Du selbst heute anders als zu der Zeit als Du selbst noch verantwortliche Managerin gewesen bist?

Ich würde noch weniger Pokerface zeigen, noch klarer und ehrlicher auf den Punkt kommen. Verbindlich im Ton , aber klar in der Sache. Wenn eines knapp wird in der neuen Wirtschaft, dann Zeit.

Du forderst dazu auf,  unsere Grundbedürfnisse stärker zu respektieren. Was genau sollten wir ändern?

Dazu lässt sich ein eigenes Interview machen, für tieferes Interesse verweise ich gerne auf einen kürzlich dazu erschienenen Fachbeitrag von mir im Blog von t2informatik (hier). Auf den Punkt gebracht: wir müssen und können mehr Orientierung geben, mehr Wertschätzung zeigen und mehr Verbundenheit signalisieren. Wer offen kommuniziert, wer andere an Entscheidungen beteiligt, wer hinhört, zuhört, Feedback gibt, auch wenn es nicht nur positiv ist, der macht schon viel richtig. Wir müssen in Anbindung sein mit dem, was in den Köpfen der Menschen vorgeht und ihnen Angebote machen, die ehrlich und authentisch sind. Wenn uns in stürmischen Zeiten nicht gelingt, achtsam mit anderen umzugehen – und die Zeiten werden tendenziell noch stürmischer – dann verlieren wir die Menschen und es bewegt sich nichts mehr. Wie ein Auto, dessen Reifen bei der Fahrt keinen Kontakt mit dem Boden haben.

Was tust Du für Dich persönlich, um Deine Achtsamkeit zu fördern und zu entwickeln?

Ich lebe einigermaßen gesund, so dass mein Körper meinem Geist nicht die Gelegenheit gibt, zu schnell müde, traurig und unlustig zu werden (man hat noch gar nicht realisiert, wie stark z.B. Ernährung, Schlaf und Bewegung an der Psyche ziehen). So habe ich schon mal bessere Voraussetzungen, um überhaupt achtsam mit mir und meiner Umgebung umzugehen. Die Achtsamkeit für mich übe ich seit Jahren fast jeden Tag. Sie ist zu meiner zweiten Haut geworden: ich höre achtsam hin, was mein meinen Körper mit sagt. Der meldet sich ja ohnehin ständig, die Frage ist nur, ob man hinhört. Wenn mein Magen knurrt, ist es z.B. Zeit etwas zu essen, nicht vorher. Wenn der Rücken am Schreibtisch zwickt, ist es Zeit aufzustehen und nicht sitzenzubleiben. Wenn ich Lust auf Banane habe, esse ich eine und nicht das, was sonst anstehen würde. Aber auch ab und zu beim Gehen auf die Berührung der Füsse am Boden zu achten, lenkt automatisch die Aufmerksamkeit bewusst auf einen konkreten Sachverhalt. Wer so etwas übt, der wird für sich und für andere achtsamer. Das schöne ist, es kann jeder trainieren. 

Im Gespräch mit Monika Burg.

Nehmen wir einmal an, Du hättest dieses Jahr auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos einen Vortrag gehalten. Was wären in aller Kürze Deine 3 Kernthesen? 

  • Die Welt ist in einer großen Transformation von einer alten in eine neue Welt. 
  • Die Spielregeln der neuen Welt sind neue Spielregeln.
  • Wer in der neuen Welt erfolgreich sein möchte, braucht neues Wissen und neue Fähigkeiten.

Nehmen wir an, Du hättest die gleiche Aufgabe bei der Schließung der letzten Zechen im Pott vor Bergleuten, Regierungs- und Wirtschaftsvertretern gehabt. Deine 3 Kernthesen, kurz und knapp? 

  • Das Ruhrgebiet ist das Sinnbild für erfolgreichen Wandel.
  • So überzeugt ich davon bin, dass sich Wirtschaftssysteme ebenso wie jedes offene System auf neue Herausforderungen einstellen muss, so überzeugt bin ich, dass wir den Malochern des Ruhrgebiets, die diesen Wandel oft gegen ihre eigenen Ängste und Sorgen getragen haben, genug Respekt gezollt haben.
  • Politiker sollen offen und ehrlich mit den Menschen umgehen und nicht mit einem Kohlepfennig die Illusion der Wettbewerbsfähigkeit schaffen.

Du warst bei uns zu Gast bei der Pottakademie, hast uns erlebt und mit uns gearbeitet. Was hat Dich besonders inspiriert? 

Mich inspiriert Euer kluger Blick auf die Welt. Ich finde, Ihr seht sehr klar, was in der Wirtschaft gebraucht wird und was in der Welt vor sich geht. Es ist ein Gewinn, Euch zu treffen.

Vervollständige bitte den folgenden Satz: Pottakademie ist …

…. untertage wie übertage kompetent. Untertage mit einem Verständnis für die Old Economy und übertage mit einer klugen Weitsicht für die Belange der New Economy. 

Danke, liebe Monika, für dieses Gespräch. Wir freuen uns auf mehr von Dir und mit Dir in der Pottakademie. Glück auf!

Dr. Monika Burg ist Professorin an der International School of Management in Dortmund. Ihr Spezialgebiet ist Führung in der Neue Wirtschaft. Der Forschungsschwerpunkt der Dortmunderin sind die neuen und alten Kompetenzen, die Fach- und Führungskräfte benötigen, um die Herausforderungen einer sich wandelnden Wirtschaftswelt erfolgreich zu  meistern. Dabei greift Monika Burg auch auf die eigenen Erfahrungen im Management zurück. Sie war u.a. Konzernpersonalleiter der Douglas Holding AG sowie Direktor HR und Mitglied der Geschäftsführung der C&A Mode KG. Als Coach, Speaker und Beirat ist sie der Praxis heute noch eng verbunden.

Und zuallerletzt in eigener Sache eine Ankündigung, damit wir uns nicht wieder heimlich vergessend in die Büsche schlagen. Wir wollen podcasten. „Über’n Gartenzaun geredet“ wird es immer mal wieder hier im Blog als Rubrik geben. Was auf die Ohren wird das gut ergänzen. Lesen kann ja jeder, doch so manches braucht halt vertrauten Dialog. Wie auf dem Sofa über den Küchentisch. Lasst Euch mal überraschen, wir kommen drauf zurück.


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