Unser Mann in Thüringen: Robert Fuhrmann

Gottlob, der große „Zaun“ auf dem Weg nach Ostdeutschland ist weg. Doch es gibt immer noch viele kleine Zäune. Seit wir mit dem Thüringer Robert Fuhrmann über eine Pottakademie unterwechs in Thüringen reden (Informationen siehe hier), schwingt im Hinterkopf der Slogan „Pottakademie unterwechs goes east“ irgendwie mit. Ist das politisch korrekt? Wir haben viele Fragen, freudige Erwartungen und neugierige Vorurteile. Nicht nur darüber. Wir kennen Robert als einen erfahrenen Aufklärer, also los denn!

Lieber Robert, um das gleich mal aufzugreifen… 30 Jahre nach dem „Plätten“ des großen Zauns: Wo siehst Du heute noch Zäune oder Grenzen zwischen dem ehemaligen West und Ost?

Jeder kann nur aus seiner eigenen Perspektive berichten, daher will ich nicht pauschalisieren. Tapetenwechsel, das ist ein wichtiger Punkt. Ich habe nach 1989 in Japan und Großbritannien gelebt und für einen großen Konzern an verschiedenen Standorten in Süddeutschland gearbeitet. Das hat mir einen erweiterten Blick auf Sachverhalte und Zusammenhänge beschert, der mir sehr wichtig ist. Personen, die ihren Lebensmittelpunkt nie verändern, neigen dazu, das Andere, das Fremde zu kritisieren. Egal wo sie leben. Hier sehe ich noch Zäune oder Grenzen. Aber das beschränkt sich nicht auf Ost/West, das geht quer durch die Republik. 

Teil der Wahrheit ist, dass der Lebenshintergrund der Menschen im Osten komplexer ist als im Westen Deutschlands. Der „Osten“ musste einen plötzlichen Systemzusammenbruch verkraften. Innerhalb von 1-2 Jahren hat sich das gesamte System komplett verändert. Ob gewollt oder nicht, ob vorbereitet oder nicht, ob begrüßt oder abgelehnt… Dieser Systemwechsel ist einfach über Dich gekommen, du warst gezwungen dich zu verändern. Vertrauen und Sicherheit sind da in Größenordnungen den Bach runter gegangen. 

Kultur ist die Summe der in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen. Stellt man sich Ostdeutschland als Organisation vor, wird klar warum traditionelle Maßstäbe (meist aus Westdeutschland) hier nicht passen. Die Schmerzen der Erfahrungen sind Teil der Kultur, sie bestimmen das heutige Entscheiden und Handeln der Menschen im Osten.

Es gibt natürlich auch Grenzen zwischen Nord und Süd, zwischen unserem Pott und den Rheinländern oder zwischen Braunschweig und Hannover. Doch irgendwie scheinen die in unseren Köpfen eine untergeordnete Rolle zu spielen, das Ost-West-Thema ist gefühlt stärker präsent. 

Ich glaube, die Grenze zwischen Braunschweig und Hannover oder Gelsenkirchen und Dortmund wird als weniger spannend eingeschätzt. Was gesagt werden muss: es gibt eine große Gemeinsamkeit zwischen Thüringen und dem Ruhrpott. Im Pott sind es schwarze Kohlenschächte, in Thüringen sind es weiße Kalisalzschächte. Glück auf!

Medien machen Auflage mit Schlagzeilen. Das Ost-West Thema liefert zuverlässig Schlagzeilen, da Leute bei ihren Emotionen gepackt werden. Ich wünschte Deutschland mehr Normalität damit und eine stärke Konzentration auf Regionen! Was macht wirtschaftsstarke Regionen aus? Welche Impulse können (noch) wirtschaftsschwache Regionen adaptieren. 

Man stellt gern Produktivitätsvergleiche an. Wohl um mit einem Anstieg rechtfertigen zu können, dass man den Osten mit viel Geld unterstützt. Bei diesen Vergleichen schneidet Ostdeutschland schlechter als Westdeutschland ab. Warum? 

Von 500 Konzernzentralen in Deutschland liegen 464 im Westen und 36 im Osten. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung erfolgt in der Konzernzentrale. Da wo der letzte Produktionsschritt, oder die letzte Dienstleistung erbracht und die Unternehmenssteuer abgerechnet wird, da werden auch die Wertschöpfung und die Pro-Kopf-Produktivität errechnet. Nach 1989 wurden in Ostdeutschland keine Konzernzentralen, aber massenhaft verlängerte Werkbänke errichtet. Überspitzt gesagt: Die Vorleistungen werden in Ostdeutschland gleistet, die Endabrechnung wird am westdeutschen Sitz der Konzernzentrale gemacht.

Wenn ich mich in der Geschichte umschaue, dann waren die Thüringer immer ein wenig aufsässig, oder täuscht das? Politisches Asyl für Martin Luther, der auf der Wartburg das Neue Testament übersetzt hat, ein Schwerpunkt der Reformationsbewegung, eine rege Beteiligung am Bauerkrieg im 16. Jahrhundert und Schauplatz der blutigen Schlacht von Frankenhausen. Was müssen wir über Thüringen und die Thüringer wissen?

Interessant, dass Du das erwähnst, das mit dem „aufsässig“. In der Tat habe ich erst kürzlich wieder darüber nachgedacht, dass ich viele Thüringer kenne, die sehr eng mit Schottland verbunden sind. Es gibt hier viele, die mit den Schotten eine starke Seelenverwandtschaft erkennen. Die Schotten sind ja auch die Aufsässigen auf der Insel…

Martin Luther war ja so gesehen auch Aufsässiger, als er mit der Bibelübersetzung die Reformation angefeuert hat. Ich versuche einen Besuch in Luthers Zimmer auf der Wartburg zu organisieren, wenn die „Pottakademie unterwechs“ im November in Thüringen ist. 
Was lohnt sich zu wissen? Die Thüringer sind gastfreundlich, manchmal anfangs etwas spröde aber ehrlich. Und sie sind zweigeteilt. Ich komme aus dem Henneberg-Fränkischen Sprachraum. Als Sprachgrenze trennt der Rennsteig die ostfränkischen Dialekte Hennebergisch, Itzgründisch und Oberfränkisch von den thüringischen Dialekten Zentralthüringisch, Ilmthüringisch und Südostthüringisch, die auf der Nordseite und östlich des Thüringer Waldes gesprochen werden. Der Rennsteig ist ein 170km langer, zusammenhängender Qualitätswanderweg.  Überhaupt, Schönes und Geschichtliches findet man in Thüringen an allen Ecken. Luther erwähnten wir schon, Johann Sebastian Bach lebte, arbeitete und heiratete hier. Walter Gropius begründete vor 100 Jahren den Bauhaus Stil in Weimar. Ich liebe es Thüringer zu sein, ich lade herzlich ein uns zu besuchen! Die Pottakademie ist doch ein wunderbarer Anlass, Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden.

Ausnahmsweise eine politische Frage, mit provokant spaßigem Unterton: Thüringen ist das einzige Bundesland mit einem „linken“ Ministerpräsidenten. Trotzdem geht hier jeden Morgen die Sonne auf und abends das Licht an. Was denkst Du sollten wir weltpolitisch gelassener sehen? Was müssen wir ernster nehmen?

Hm. Baden-Württemberg hat einen „grünen“ Ministerpräsidenten. Trotzdem gibt es dort noch Papp-Becher für Kaffee „unterwegs“ und dicke SUVs. Beides ist nicht „political correct“. 
Ich glaube ein grüner MP wird niemals die komplette Agenda seiner Partei umsetzen können. Das gilt für alle politischen Farben. In einer funktionierenden Demokratie können alle Amtsträger nur die notwendige pragmatische Politik mit einer parteilichen Note versehen. Und das ist auch gut so. Insgesamt plädiere ich dafür: Zuhören um zu verstehen statt zuhören um zu antworten.

Ernst nehmen muss man die wirkliche sehr große Distanz zwischen den Vertretern im Bundestag und dem Volk. Ich finde es hochgradig erschreckend wie weit die meisten Politiker vom normalen Leben entfernt sind. Hier liegt nach meiner Meinung einer der Hauptgründe für das Erstarken der AfD. Die meisten Politiker der etablierten Parteien sind absolut nicht auf Augenhöhe mit denen, die sie vertreten.

Welche Rolle spielt die Thüringer Rostbratwurst? Was unterscheidet sie im tiefsten Inneren und Äußeren etwa von einer Currywurst am Borsigplatz oder auf Schalke?

Kampf der Kulturen? Die Pottakademie wird weltoffen einen Vergleichstest organisieren!

Ha! Endlich kommen die wirklich wichtigen Themen! Die Thüringer Rostbratwurst hat schon in Thüringen in den einzelnen Landstrichen verschiedene Ausprägungen. Ich komme wie gesagt aus dem fränkischen Sprachraum südlich des Rennsteigs. Dort lehnt man Kümmel in der Wurst häufig ab. Nördlich des Rennsteigs dagegen… häufig mit Kümmel. Die Currywurst am Borsigplatz oder auf Schalke muss ich erst noch probieren. Kenn ich nicht. Aber eins ist klar. Die Thüringer Rostbratwurst hatte noch nie, hat nicht und wird auch keine Sauce haben! An meine Wurst kommt nur BORN Senf aus Erfurt.

Hömma, lieber Robert, bevor wir hier abschweifen. Wir haben noch gar nichts über Dich erzählt. Was sollten wir und die Leser unseres Blogs über Dich wissen, was Du Xing oder Linkedin bisher nicht anvertraut hast?

Ich bin kein Spezialist, sondern Generalist, Tausendsassa. Mein Herz schlägt für die Organisationsentwicklung. Ich halte Systemtheorie für sehr hilfreich um komplexe Sachverhalte zu durchdringen und aus der Erkenntnis Lösungen zu schaffen. Es macht mich wirklich glücklich, wenn ich dazu beitragen kann, dass Menschen in Organisationen sich besser verstehen und ihre Arbeit dadurch sinnhafter und wirksamer wird. Ich liebe meine Familie, Mountainbike fahren und Fallschirmspringen. Ich bin von Herzen liberal und liebe es Argumente auszutauschen. Impulse von außen, die dazu führen, dass ich mich selbst hinterfrage, sind super. Mein Motto: Veränderung ist immer. Lebenslanges Lernen hilft.

Bei einigen beruflichen und privaten Besuchen rund um Erfurt haben wir gesehen, dass sich in Thüringen eine dynamische und innovative Wirtschaftsstruktur entwickelt. Was geht da vor sich?

Wir haben in Thüringen einige sehr coole Einrichtungen und Möglichkeiten. Ob sie einzigartig sind, weiß ich nicht, könnte aber sein. Das Zentrum für Existenzgründung und Unternehmertum bündelt alle notwendigen Kompetenzen für die genannten Themen und vermittelt zwischen Nachfrager und Anbieter. Der Innovationspreis Thüringen und der Innovationspreis Mitteldeutschland geben Neuheiten eine Bühne, so dass Tüftler mit Ermöglichern zusammenkommen. Daneben gibt es Förderungen aus verschiedenen Töpfen. Ich glaube, die räumliche Nähe in Thüringen und dadurch auch die räumliche Nähe der Universitäten und Hochschulen tut ein Übriges. Es ist sehr schön zu sehen, dass jahrelange Anstrengungen nun in erfolgreiche Projekte, Unternehmen und Regionen münden.

Wie kann die Pottakademie die innere Dynamik der thüringischen Wirtschaft um den Flügelschlag eines Schmetterlings beschleunigen? 

Seien wir realistisch und steigen mal kurz aus unserer Blase „Neue Arbeit“ aus. Die Realität ist so, dass noch in den überwiegenden Betrieben klassisch tayloristische Situationen herrschen. Da liegen noch eine Menge Gespräche vor uns und wir sehen hoffentlich noch erdrutschartige Massen an Erkenntnissen. Die Pottakademie und auch kingago wollen da Schmetterlinge auf Befruchtungstour sein und Denkangebote machen und Impulse geben.

Auf der Krämerbrücke in Erfurt gibt es die beste uns bekannte Eisdiele. Ein junges Start-up, viele köstliche und ungewöhnliche Geschmackskombinationen, ein echtes Highlight. Kann man einfach im Vorbeigehen was von mitnehmen. Was außerdem rätst Du uns dringend in Thüringen zu beachten und von hier mitzunehmen. 

Ja, Alexander Kühn mit der Goldhelm Manufaktur. Er wohnt bei mir im Nachbardorf. Zu beachten und mitnehmen? Nein, nicht die Wurst. Kann man machen, ist aber zu naheliegend. Ach, es gibt so viel… Erfurt mit den vielen, kleinen Läden, die sich große Mühe geben und Vielfalt gestalten. Das sollte man erlebt haben. Den Wald erleben, im Natur-Resort Hainich (größter Buchenwald Europas) oder im Stutenhaus am Vessertal. Gästebob mit Weltmeistern und Olympiasiegern in der WM-Bobbahn fahren, Konzerte 750m unter Tage im Kalischacht Merkers oder die Parks und Themengärten in Bad Langensalza besuchen. Es gibt das Bach Festival in Arnstadt, viele Events zu 100 Jahre Bauhaus und natürlich reichlich leckeres Essen, so zum Beispiel bei Maria Groß in der Bachstelze.

Danke, lieber Robert für diese interessante Informationen. Wir haben wieder was gelernt! So ist das halt, wenn man unterwechs ist, reisen bildet. Wir danken Dir für das Mitmachen und Deine Rolle als „unser Mann in Thüringen“ und freuen uns auf den „Schnupperabend“, die Pottakademie in Thüringen und den Kulturvergleich der „Würste“. Natürlich werden wir diese kulturelle Bildungslücke weder am Borsigplatz noch auf Schalke eine Currywurst genossen zu haben mit Dir schließen. Bist eingeladen. Glück auf!


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